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Auf einer Wanderung durch das Elsass sah ich im Straßburger Münster ein Wunderwerk mittelalterlicher und neuzeitlicher Uhrmacherkunst: die astronomische Uhr des Straßburger Münsters, dessen Besichtigung ich jedem nach Straßburg Kommenden bestens empfehlen kann.
Ihre Spuren reichen zurück bis in das Jahr 1352, als ein heute unbekannter Meister die gerade in der Lombardei erfundene Räderuhr für sein Werk nutzte. Berichtet wird von einem gewissen Johann Boernave, dem der Legende nach der Straßburger Stadtrat beide Augen habe ausstechen lassen, damit er keiner anderen Stadt mehr eine ähnliche Uhr errichte.
Auf der Spitze seiner Uhr saß ein Hahn oder Gockel, der zu jeder vollsten Stunde zur Erinnerung an die Verleumdung Petri dreimal laut rief. Dieses älteste Zeugnis abendländischer Mechanik musste schließlich einem Nachfolger weichen: Weil sich im Laufe der Zeit die Zahnräder aus Schmiedeeisen abnutzten, versagte diese sogenannte „Drei-Königs-Uhr“ zu beginn des sechzehnten Jahrhunderts ihren Dienst.
Der Mathematiker Christian Herlin projektierte anno 1540 eine zweite Uhr. Die Arbeiten daran währten von 1547 bis 1550. Religiöse Wirren (die Katholiken erhielten das Münster zurück und den Protestanten verging die Lust am Weiterbau) vereitelten jedoch deren Vollendung.
Erst in den Jahren 1571 bis 1574 gelang es dem Schweizer Conrad Hasenfratz., den Weiterbau zu sichern. Der damaligen Mode folgend, seinen Namen zu latinisieren, taufte er sich in Dasypodius um. Als Mitarbeiter gewann er die beiden jungen Uhrmacher Isaak und Johannes Habrecht. Für das äußere Bild der Uhr sorgte Münsterbaumeister Thomas Uhlberger. Die Dasypodius-Uhr enthielt eine erstaunliche Mechanik. Sie wurde von der älteren Uhr weitgehend übernommen. Insgesamt zweihundert Jahre lang lief sie mit mancher Tücke, Staub und Abnützung forderten am Ende aber ihren Tribut und so gab sie zum zweiten Mal ihren Geist auf. Fünfzig Jahre lang stand die astronomische Uhr erneut still und verschlief so die Französische Revolution, Napoleon und die anderen Wirren dieser Zeit.
Dem Jean Baptiste Schwilgué ist es zu verdanken, daß Abertausende von Besuchern diese Uhr jedes Jahr bestaunen können. Er wurde am 18. Dezember 1776 geboren und entstammte einer altelsässischen Familie. Weil er bereits als Kind für die Mechanik äußerst begabt war, wünschte er den Beruf des Uhrmachers zu erlernen. Er bastelte bereits in der Schule an mechanischem Spielzeug und dort erregten seine mit selbst gebasteltem Handwerkszeug erstellten Arbeiten auf Ausstellungen großes Aufsehen. Sein Vater verlor durch die Revolution seine Stellung als Beamter in der königlichen Verwaltung, deshalb zog die Familie nach Schlettstadt ins Elsaß, dem heutigen Selestát.
Fasziniert von der Aufgabe, die defekte Uhr wieder in Stand zu setzen, eignete er sich nach und nach als Selbstlerner das notwendige theoretische Wissen an, um so sein Lebensziel zu verwirklichen. Bald galt er als der beste Uhrmacher in der Gegend. Seine Kenntnisse in Astronomie, Mechanik und Mathematik gediehen soweit, daß er zum Professor am Gymnasium von Schlettstadt ernannt wurde.
1827 übersiedelte er nach Straßburg und verband sich dort mit dem Waagenfabrikanten Rollé. Schwilgué gewann in Straßburg hohes Ansehen uns 1838 erntete er die Früchte seiner jahrelangen Mühen. Der Magistrat der Stadt Straßburg erteilte ihm den Auftrag zur Reparatur der Uhr. Eine Reparatur kam dem Meister aber nicht in den Sinn, ihm schwebte vielmehr eine völlige Neukonstruktion vor, ausgestattet mit allen Finessen der Mechanik. Darum reichte auch der bewilligte Kredit (ohne Schufa - die gabs damals noch nicht :-) bei weitem nicht aus: die Stadt Straßburg gewährte ihm ein Darlehen von 32.400 Franken. Schwilgué streckte aber für seine Lebensaufgabe einen Teil seines Vermögens vor. Das 1842 vollendete Werk kostete insgesamt 80.000 Franken. Im Anbetracht der überragenden Leistungen übernahm die Stadtverwaltung den Betrag ganz und sprach dem Erfinder noch 20.000 Franken Belohnung zu.
Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Schwilgué mit dem Abfassen einer theoretischen Abhandlung über Räderwerke. Er starb am 5. Dezember 1865 im Alter von knapp achtzig Jahren.
Jean Baptiste Schwilgué konnte zwar die Neukonstruktion der Uhr durchsetzen, nicht aber seinen anderen Traum: das Räderwerk frei von Verzierungen und Allegorik in Glasvitrinen für jedermann sichtbar zu präsentieren. Nur in seiner genialsten Erfindung, dem Kirchenfestcomputus, können wir hinter die Kulissen schauen.
Das Kirchenfestcomputus zeigt die Daten aller beweglichen Feste in Abhängigkeit des Osterdatums an. Im Gregorianischen Kalender wird der Ostertag auf den dem ersten Vollmond im Frühling folgenden Sonntag gelegt. Dieses Problem war das schwierigste, mit dem sich Schwilgué auseinanderzusetzen hatte und er bemerkte dazu: „Die Suche nach der Lösung der Comput écclésiastique, die mir manche schlaglose Nächte bereitete, erschien mir aussichtslos. Indem ich jedoch versuchte, den mathematischen Beweis für die Unmöglichkeit dieser Lösung zu erbringen, fand ich die Gewissheit, daß sie möglich sein müsse.“ Es gelang ihm.
Er schuf einen aus zwei Teilen bestehenden Mechanismus, einen sehen wir ausschnittsweise auf der folgenden Abbildung. Dabei interessiert die linke Scheibe, auf der von aussen nach innen der Monat, das Datum, der Sonntagsbuchstabe und der Tagespatron abzulesen sind. Sonnengott Apollo auf der linken Seite hält einen Pfeil in der Hand, dessen Spitze auf das heutige Datum weist. Im Foto ist das der 26. Januar.
Schwilgué mußte dabei ein Problem überwinden: die Ermittlung der Schaltjahre unter Beachtung des schwierigen gregorianischen Ordnung der Schaltjahre. Letzteres löste er genial. Am Oberen Rand der Abbildung erkennt man unscharf drei Tagesfelder mit der Inschrift Beginn des gewöhnlichen Jahres, auf Französisch commencement de l’aneé commune. Der 1. Januar bis 28. Februar ist auf einem beweglichen Sektor aufgemalt. Dieser wird im Schaltjahr um ein Tagesfeld nach oben verrückt, so daß dass commune für gewöhnlich verschwindet und unten der 29. Februar auftaucht. Der wird im normalen Jahr sonst vom beweglichen Sektor verdeckt.
Der zweite Teil des Computus berechnet die separat angezeigte Jahreszahl. Darüber hinaus ersieht man noch den Sonnen- und Mondzyklus, die sogenannte Römerzinszahl, die Epakten und den Sonntagsbuchstaben. Mit dessen Hilfe ersparte man sich früher den jährlichen Kalenderwechsel. Der erste Januar erhielt ein A, der zweite ein B und so weiter. Hat das Jahr beispielsweise den Sonntagsbuchstaben D, so fällt der Sonntag auf den 4.1. und alle anderen mit D bezeichneten Daten. Die anderen Wochentage richten sich entsprechend danach.
Der Schaltrhythmus verkompliziert diese Regelung etwas, ein Leckerbissen für den Konstrukteur. Einen Leckerbissen für den Besucher stellt ohne Zweifel der Himmelsglobus dar, optisch und mechanisch. Auf diesem befinden sich rund 5000 Sterne bis zur sechsten Größe. Innerhalb eines Sternentages dreht sich die Kugel mit 84 cm Durchmesser um ihre eigenen Achse und ein künstlicher Horizont zeit den die Auf- und Untergänge der einzelnen Gestirne an, so erhält man die Lage des Himmelsgewölbes im Augenblick der Beobachtung.
Schwilgué war dieser Mechanismus jedoch noch nicht vollkommen genug – er berücksichtigte auch noch die Präzession! Die im Bild gezeigten Zahnräder lassen die Erdachse in 25.800 Jahren einen geschlossenen Kreis vollenden und führen so wohl die langsamste künstliche Bewegung überhaupt aus. Geschaffen wurde dieser Himmelsglobus erstmals von Dasypodius, der den ursprünglichen geografischen Globus aus Protest gegen die Aufstellung eines geozentrischen Astrolabiums zu einem astronomischen umarbeitete. Weil er sich als überzeugter Kopernikaner verstand, ließ er sein Vorbild zusätzlich auf den Gewichtsturm der Uhr malen und perfektionierte so die Aufregung in der Geistlichkeit.
schleicht der aufmerksame Beschauer bei der Betrachtung des Planetariums im oberen Teil der Münsteruhr (Abbildung). Es misst 2,20 Meter im Durchmesser, am Rand sind die zwölf Tierkreiszeichen angebracht. Viele Betrachter geraten beim Ansehen des Planetariums in Verwirrung, denn sie glauben, am 21. März die Erde in der Waage zu sehen. Es kommen nur wenige auf die Idee, sich in Gedanken auf das Erdkügelchen zu versetzen, um von dort aus die Sonne anzuvisieren, hinter der dann tatsächlich der Widder steht.
Wie der Kirchencomputus ist auch das Planetarium das Ergebnis einer uhrmacherischen Meisterleistung. Bei Merkur und Venus weicht die Umlaufzeit um keine Sekund von der tatsächlichen ab, bei Mars beträgt die Differenz nur eine Sekunde. Jupiter und Saturn laufen ganze zehn Sekunden schneller. Das alles sind Werte, die vor zwanzig Jahren nicht jede Quarzuhr erreichte! Direkt unterhalb des Planetariums befindet sich das Zifferblatt der wahren Sonnen- und Mondzeit (die römischen Ziffern im Bild sind ein Teil davon), die Mondphasen, sowie die Sonnenaufgangs- und -untergangszeit sind ebenfalls daran abzulesen. Sogar Sonnen- und Mondfinsternisse hat Schwilgué in seinem Werk berücksichtigt. Mit Hilfe aufwändiger Korrekturen wie die Zeitgleichung, der Mondknotengleichung und andere, die in einer Vitrine rechts vom Zifferblatt zu sehen sind, duldete er keine Abweichung vom Pfad der Vollkommenheit.
Wie bereits angedeutet, konnte sich Schwilgué mit der Idee der offenen Mechanik nicht durchsetzen. Der Nachwelt blieb daher nicht nur das mittelalterliche Figurenspiel mit all seiner Symbolik erhalten, sondern er baute noch den Durchzug der Apostel mit ein, der zwar in der alten Uhr nicht vorhanden war, den aber die Legende dort wissen wollte.
Wenn der letzte Schlag der Mittagsstunde verklungen ist, treten sie links aus einer Tür hervor, verbeugen sich vor Christus und er segnet jeden von ihnen. Sobald der letzte abgetreten ist, bekreuzige sich Jesus über den Zuschauern, die geduldig auf den nächsten Viertelstundenschlag warten (siehe Abbildung, obere Drehbühne). Bei diesem tritt eine Etage darunter eine von vier Figuren hervor, die die vier Lebensalter andeuten: 1) das Kind mit Stock und Ball, 2) der Jüngling mit Köcher und Pfeil, 3) der Krieger mit Helm und Schwert und 4) der Greis mit der Krücke.
Jede von ihnen führt den zweiten Schlag des Viertelstundenzeichens aus, während der Engel den ersten macht. Anschließend verschwinden die Figuren wieder hinter der Tür. Ein besonderer Mechanismus läßt sie eine perfekte Gehbewegung ausführen. Von 18 bis 6 Uhr bewegen sich die Figuren, der Hahn, die Apostel und die zwei Engel nicht, um anzudeuten, daß der Mensch nachts schläft und nicht arbeitet. Nur der Tod arbeitet Tag und Nacht, er schlägt mit einem Knochen die Stunden und thront über der Ebene der vier Lebensalter. Seine ständige Präsenz verkörpert seine Allgegenwart und zeigt dem Menschen an: „Vor mir gibt es kein Entrinnen!“
Auf dem Bild erkennt man zwischen dem großen Zifferblatt und dem Planetarium eine weitere Drehbühne sie vollführt eine Umdrehung pro Woche. Die Figur des Tages steht dabei an vorderster Stelle und sie bedeutet die Planetengottheit, die nach dem „Kaballistischen Heptagramm“ den betreffenden Wochentag regiert. Interessant ist dabei, daß im Französischen alle Wochentagsnamen davon abgeleitet sind. Die Götter sitzen dabei allesamt auf Wagen, die von den ihnen zugedachten Fabelwesen gezogen werden.
Auf dem Gewichtsturm thront der in Meter hohe Gockel und kräht dreimal während der Prozession der Apostel. Dabei schlägt er dreimal mit den Flügeln, spreizt ganz realistisch die Schwungfedern, senkt den Schwanz, hebt den Kopf und öffnet den Schnabel. Die Uhrkrönung bilden die vier Evangelien mit ihren Zeichen.
Beeindruckend präsentieren sich auch die Gemälde am Gewichtsturm links (Gerüchte, daß die astronomische Uhr elektrisch betrieben würde, sein hiermit dementiert). Oben prangt Urania, die Muse der Astronomie, darunter Nicolaus Kopernikus und Jean Baptiste Schwilgué wurde 1843 vom Straßburger Maler Gabriel Guérin lebensgroß verewigt. Die Gemälde im Mittelteil zeugen den biblischen Lauf der Welt: deren Schöpfung, die Auferstehung der Toten, Christus als Weltenrichter und das Jüngste Gericht. Dies als Teil der mittelalterlichen Symbolik (welche die Bibel in allen Kirchen als Bildnis darstelle, um sie der nicht des Lesen kundigen Bevölkerung nahezubringen) blieb der Nachwelt auch in der neuen Uhr erhalten.
die Uhr zeigt eine meisterhafte Verbindung von bildhaftem Mittelalter und rational-kühl operierender Neuzeit. Immerwährend ist auch ihr Lauf, die perfekten Räderwerke erlauben eine vollkommen Anzeige für alle Zeiten. Darin steckt auch ihre tiefere Aussage: alles Irdische vergeht in der unabänderlichen Widerkehr aller Zyklen und verschwindet vor der alles regelnden Allmacht des Schöpfers.
Der Artikel wurde veröffentlicht in "Sterne und Weltraum" (04/1985). Autor ist Dipl. Vw. Michael Dreisz, Inhaber von zukunfstreff.info. Näheres findet sich im dortigen Impressum.